# Der Goldgräber

„Das ist gleich dahinten, hinterm Berg. Am Besten fährst du von der Schnellstraße runter, biegst rechts ab, verlässt den ersten Kreisverkehr an der dritten Ausfahrt und fährst auf den großen Boulevard mit den verschrumpelten Palmen. Vielleicht stellst du das Bier besser weg, damit die Polizei dich nicht anhält und du nicht betrunken irgendwo vorfährst. Auf dem Boulevard hältst du dich, nachdem du die regelmäßig genutzte Unfallstelle umfahren hast, erst einmal auf der mittleren Spur. Nach ca. 2134 Metern biegst du links in die kleine Seitenstraße mit den hässlichen Backsteinhäusern und den hübschen Fabrikgebäuden ein. Du fährst so lange geradeaus, vorbei an der Grundschule und der Feuerwehrwache, bis du ein großes rosa-rotes Schloss erblickst. Von dort aus solltest du dein Ziel schon sehen. Aber sonst frag doch einfach noch mal jemanden.“ 

So oder so ähnlich stelle ich mir die Wegbeschreibung für mein Leben vor. Es gab bei mir niemals einen bestimmten Moment oder einen expliziten Schicksalsschlag, welcher mein Leben in neue Bahnen gelenkt hat. Häufig waren es ganz kleine Wendepunkte, die mich in meinem Leben eine bestimmte Richtung einschlagen ließen…

Ich wurde vor 28 Jahren als Sohn einer Grundschullehrerin und eines ehemaligen Feuerwehrmanns und heutigen Alkoholikers in Heidelberg geboren. Mit 6 Jahren zog ich zusammen mit meinen Eltern und meiner Schwester mit Sack und Pack nach Düsseldorf. Ich hasse Düsseldorf.

Seitdem ich denken kann habe ich Asthma. Mit 2 Jahren habe ich es gewagt in meinem kindlichen Wahn eine Rutsche runterzurutschen. Die Folge war mein erster Hubschrauberflug. Per Luft-Taxi brachte man mich in die nächstgelegene Klinik, in welcher man mich gerade noch rechtzeitig mit Sauerstoff füttern konnte. Überlebt – noch mal alles gut gegangen also. Damit meine Lunge von nun an nicht mehr so viel Ärger macht, meldete mich meine Mutter im Schwimmverein an. Viel sicherer als auf dem Spielplatz war es dort aber auch nicht. Als ich eines Tages meine Schwimmbrille absetzte, rutschte ich mit den Fingern so unglücklich ab, dass mir das Plastikungetüm mit voller Wucht in mein rechtes Auge schellte. Schmerzen hatte ich keine. „Halb so wild, das geht schon von alleine weg“, dachte ich. Dass ich nur kurz davor war auf meinem rechten Auge zu erblinden, erfuhr ich wenig später im Krankenhaus.

Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt war, mein Leben oder Augenlicht zu riskieren, verbrachte ich den Großteil meiner kindlichen Freizeit weitestgehend in der Kneipe. Onkel Herbert, der Kneipenwirt, wurde zu meinem Patenonkel ernannt, sodass ich keine andere Wahl hatte, als alle meine Geburtstage und sonstigen Feierlichkeiten in der Kneipe zu zelebrieren. Herbert und mein Vater waren so was wie beste Freunde; jedenfalls haben sie viel Zeit miteinander verbracht. Gemeinsam mit meiner Mutter holte ich den Trunkenbold regelmäßig, meistens mitten in der Nacht, bei Onkel Herbert ab. Am Lustigsten wurde es, wenn mein Vater Freundschaft mit sämtlichen Laternenpfählen schloss.

Obwohl ich durch die nächtlichen Ausflüge mit meiner Mutter häufig nicht viel Schlaf bekam, kam ich trotz allem nicht um den rechtlich vorgeschrieben Schulbesuch herum. Ich ging nicht gerne zur Schule. Ich bin eher introvertiert und ein Einzelgänger; eigentlich schon immer. In der Grundschulzeit hatte ich allerdings sogar mal eine beste Freundin. Ihr Name war Alexandra. Im Gegensatz zu allen anderen schämte sie sich kaum für mich. Wir wohnten in derselben Straße und gingen täglich gemeinsam zur Schule. In der Schule hatten wir nicht viel Kontakt. Eines Tages stellte man Krebs bei ihr fest, Leukämie. Kurze Zeit später starb sie und ich musste von nun an allein zur Schule gehen.

Mit Ach und Krach und nach vielen Jahren, die ich gefühlt alleine in der Schule verbracht hatte, bekam ich letztendlich sogar mein Abiturabschlusszeugnis. Meine Noten waren durchschnittlich, genauso wie mein Elan, mich für eine Arbeit oder ein Studium zu bewerben. Trotzdem habe ich es nach einiger Zeit geschafft, einen Studienplatz in Baden-Württemberg zu ergattern. Nach vier Jahren, etlicher Prüfungen und vielen Hausarbeiten wurde mir schließlich mitgeteilt, dass jegliche Bemühungen komplett umsonst gewesen sein sollen. Das deutsche Bildungssystem sieht nämlich vor, dass man zwangsexmatrikuliert wird, wenn man in einer Prüfung drei Mal durchgefallen ist. Ziemlich ärgerlich war, dass ich bereits alle anderen Prüfungen gemeistert hatte, meine Thesis bereits geschrieben war und es lediglich die allerletzte Prüfung war, die mich von meinen Abschluss trennte.

Mein verpatzter Abschluss hinderte mich allerdings nicht daran, die positive Beendigung des Studiums meiner Kommilitonen zu feiern. Inzwischen würde ich sogar zwei von ihnen als meine Freunde bezeichnen. Die Abschlussfeier fiel jedoch relativ verhalten aus. Dieser Umstand lag nicht an dem fehlenden Enthusiasmus meiner feierwütigen und trinkfreudigen Mitstudenten. Eher lag es darin begründet, dass man um 21:34 Uhr zwei tote Jugendliche vor der Haustür vorfand, die Opfer einer Schießerei geworden sind. In der Uni hatte ich nie mit Jan-Hendrik und Robert zu tun. Nun war es zu spät und sie brauchten auch ihren Studienabschluss nicht mehr. Sie waren tot. Mein Leben ging weiter, doch die Party war vorbei.

Es ist nicht alles Gold was glänzt, doch es kann nicht schaden, matte Dinge zu polieren.

Mein Leben ist schön. Inzwischen wohne ich in Mannheim. Dank der modernen Medizin führe ich ein vollkommen normales Leben. Ein richtiger Sportfanatiker bin ich aber trotz allem nicht geworden. Alkohol trinke ich keinen. Generell kann ich bis heute nicht ganz nachvollziehen, was genau das Tolle an einem übermäßigen Alkoholkonsum sein soll. Ich habe noch immer nicht viele Freunde, aber auf die wenigen, die ich habe, kann ich mich vollkommen verlassen. Auch nach dem nicht erreichten Studienabschluss, der etwas untypischen Abschlussfeier und zwei darauf folgenden Nervenzusammenbrüchen, ging es mir recht schnell wieder gut. Ich bewarb mich ohne Abschluss und arbeite bis heute als kleines Rädchen in einem großen Unternehmen. In meiner Freizeit spiele ich leidenschaftlich gerne Computerspiele oder gucke Fantasiefilme, manchmal auch Actionfilme, auf BluRay über meine eigens dafür eingerichtete Soundanlage. Ich pflanze mit Wonne Kräuter auf dem Balkon, die ich verwenden kann, wenn ich einer weiteren Leidenschaft nachgehe. Ich koche unheimlich gerne – am liebsten italienisch. Meistens koche ich für mich alleine. Eine feste Freundin habe ich nicht. Ehrlich gesagt hatte ich noch nie eine Freundin, geschweige denn eine richtige Verabredung mit einem Mädchen. Bis es so weit ist, komme ich sehr gut alleine klar. Alles kommt, wie es kommen soll. Ich bin glücklich.

von Patrica Zernik